Was Journalisten heute lernen müssen: Autonom denken

Was Journalisten heute lernen müssen? Eine Antwort für alle Journalisten von einem, der gerade mal 32 ist – das wäre vielleicht doch ein bisschen zu altklug. Daher versuche ich mich an einer Antwort für meine Generation und die Generation, die folgt.

Die Zeiten, in denen Verlage und Rundfunkanstalten jahrelang Brötchen und das Dach über dem Kopf bezahlt haben, dürfte für die große Mehrheit junger Journalisten vorbei sein. Es gibt keine festen Anstellungen mehr, Tarifverträge sind wohl ein Auslaufmodell, als Freier wird man auch in Zukunft in der Regel nicht weniger am Existenzminimum kratzen als heute. Es macht wenig Sinn, darauf zu warten, dass sich die Medienlandschaft von alleine wieder wirtschaftlich erholt (obwohl ich es natürlich hoffe).Autonom denkende Journalisten haben in Zukunft vermutlich die besten Karten. Und Autonomie kann man lernen. Eine Typologie der Schreiberlinge mit Zukunft:

a) Journalisten, die auf ihrem Spezialgebiet hervorragend sind, über ein ausgezeichnetes Handwerkszeug verfügen oder sonst irgendein Alleinstellungsmerkmal besitzen. Sie haben es leichter, ihre Fähigkeiten individuell und flexibel zu vermarkten. Im Idealfall haben diese Nachwuchsschreiber schon im Studium ihre inhaltliche Stärken vertieft. Wer es noch nicht weiß, was ihn eigentlich brennend interessiert, kann es natürlich immer noch herausfinden. Inspirationsquellen für mich waren einige Kurse bei Coursera sowie interessante Vorträge und Diskussionen bei Netzwerktreffen (Barcamps, Stammtische) und Kongressen.

b) Journalisten, die flexibel und pragmatisch denken. Sie schaffen es, den meistens wenig lukrativen Traumjob des Schreibens mit einträglicheren Erlösquellen zu verbinden. (Nein: Es geht nicht darum, sich für 50 Euro/Stunde zu prostituieren, darüber eine Reportage zu schreiben und diesen Text dann für 15 Cent/Zeile an die Lokalzeitung zu verkaufen.)  Es gibt bereits viele Freie, die sich über (manchmal unliebsame) PR-Aufträge die materielle Unabhängigkeit für „Sahne-Geschichten“ erwirtschaften (und zugegebenermaßen auch viele, die es trotzdem nicht schaffen). Die Vermischung ist heute normal und dürfte für die meisten Auftraggeber mittlerweile kein größeres Problem darstellen.

c) Journalisten, die konzeptionelle Stärken haben und unternehmerisch denken können. Diese könnten zusammen mit anderen neue Existenzen gründen und gegebenenfalls neue Arbeitsplätze schaffen – und nicht zuletzt sich selbst den Job basteln, den sie vielleicht immer schon mal machen wollten. Noch unterstützt der Staat Neugründer recht großzügig, gleichzeitig werden die Tools (Redaktionssysteme, Layout-Programme etc.) immer günstiger. Noch nie war es wohl so einfach wie heute, sein eigenes journalistisches Projekt zu schaffen – vor allem im Internet. Was allerdings natürlich noch keine Garantie für einen Erfolg darstellt. Trotzdem gibt es viele funktionierende Beispiel: Lokalblogs und kleine Online-Zeitungen, die sich bereits tragen; Service-Dienstleister in journalistischen Randbereichen; Textagenturen.