100 000 Dollar in vier Stunden: Crowdfunding im Radio

Nein, ich kann Rihanna nicht mehr hören! Und die Black Eyed Peas, Miley Cyrus und diesen ganzen Dance-Pop, bei dem gepitchte Stimmen über einen 90er-Beat jaulen. Ich muss es aber auch nicht: Dank Squeezebox und Internet kann ich je nach Lust und Laune durch die buchstäblichen Radiowelt switchen. Ich könnte K-Pop und christlichem Rap aus den USA lauschen oder pakistanischen Seekühen beim Singen zuhören (naja, fast. Aber Sender, die den Sound der Natur spielen, gibt es natürlich en masse). Aus dem unglaublich vielfältigen Angebot haben sich allerdings zwei Sender herauskristallisiert, die meine tägliche Playlist dominieren: Das Internetradio des öffentlich-rechtlichen „Catalunya Rádio“ icatradio.cat aus Barcelona mit seinen hervorragenden Genre-Wellen icatronica und icatjazz sowie der grandiosen Musiksendung „Delicatessen“ und der Uni-Sender aus Seattle KEXP.

Die Katalanen begeistern mich vor allem mit ihrer Musikauswahl: icatronica spielt elektronische Musik im weitesten Sinne, icatjazz legt Jazz in allen Facetten auf – beides funktioniert ohne Werbung, ohne Nachrichten, ohne Moderation. Die Musik ging mir bislang noch nie auf die Nerven.  Die Sendung „Delicatessen“ läuft täglich ab 21 Uhr auf Icat, der Hauptwelle von Catalunya Rádio (vergleichbar mit SR1) oder als Podcast. Wer die Moderation nicht hören möchte, kann sich die Songs auch bequem als Spotify-Playlist herunterladen. Was gibt es zu hören? Vornehmlich alternativer Rock mit melancholischer Note (etwa Calexico).

Gemischtere Töne gibt es bei KEXP aus Seattle: Wer den Sender am Sonntagmorgen aufdreht, bekommt (dank Zeitverschiebung) dunklen Metal ins Gesicht geföhnt. An anderen Tagen gibt es Reggae, alternative Latin-Music oder Country (der nicht nach Kuhstall riecht). Die klassische „Morning Show“ spielt übrigens Joy Division uns Musik von lokalen Bands statt Rihanna.  Das kommt an: Über das Internet wird der Sender weltweit gehört, in den USA ist er nach dem Ausbau des Networks nahezu landesweit zu hören. Der Podcast „Music that matters“, der ein Auswahl neuer Musik präsentiert, wird tausendfach heruntergeladen. Dennoch wird nicht auf lokale News und Debattensendungen, in den Politiker über lokale Themen streiten, verzichtet.

Interessant ist auch, wie sich KEXP finanziert: Öffentliche Sender wie icatradio in Barcelona finanzieren sich ausschließlich über den Steuereinnahmen. Öffentliche Sender in den USA tun dies über Stiftungen und Sponsoren. Im Gegenzug werden die Spender öffentlich benannt, oft als kleine, etwa zehn Sekunden lange Inserts – so auch bei KEXP. Erreicht eine Sendung nicht ein gewisses Finanzierungslimit, steht sie auf dem Prüfstand: Über mehrere Stunden muss dann aggressives Fundraising betrieben werden. Bei der „Morning Show“ wurde vor ein paar Tagen stundenlang zu Spenden aufgerufen. Mit beachtlichem Erfolg: In vier Stunden haben mehrere tausend Privatspender über 100 000 Dollar überwiesen. Ich frage mich, ob hierzulande Menschen bereit wären für eine Morgen-Show auf einem Privatsender derart viel Geld zu spenden…

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Besser Online 2013: Weniger jammern, mehr machen

Schön war´s bei der DJV-Tagung Besser Online 2013 beim ZDF in Mainz. Für mich war es die vierte als Besucher und die zweite als Mitorganisator, daher fällt mein Fazit vielleicht etwas voreingenommen aus. Für mich bot Besser Online auf jedem Fall viel Altbekanntes und etwas Neues.

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Altbekanntes konnte man leicht an Sätzen wie “Dem Lokaljournalismus im Internet gehört die Zukunft”. Dass sich einige Diskussionen im Kreis drehen, hängt meiner Ansicht damit zusammen, dass sich die Parameter für den Journalismus kaum verändert haben. Ich hoffe, wie viele Teilnehmer offenbar auch noch nach Jahren von Stagnation/Kürzungen darauf, dass Medienhäuser, Verlage und Rundfunkanstalten mit ihrer wirtschaftlichen und informationellen Macht die Entwicklung neuer (nachhaltiger) Geschäftsbereiche vorantreiben und – ja! -auch den Online-Journalismus stärken – nicht zuletzt auch in ihrem Interesse. “Da kannste lange warten!”, entgegnet mir ein Kollegen sinngemäß. “Man muss das Heft in die Hand nehmen und was eigenes machen”. Er hat natürlich nicht unrecht, der Kollege.

Inspiration für eigene Projekte gab es zuhauf bei Besser Online: Klein- und Kleinstunternehmen, die sich auf Branchen (Modeblogs; das von Frauen gemachte Männermagazin Centurio), lokalen Journalismus (eher konservativ wie altona.info, eher kritisch wie hh-mittendrin.de oder eher wie halloherne.de, sprich: keine Kommentare, keine Meinungen, dafür Nachrichtenjournalismus pur) oder auf Dienstleistungen (Beratung, Kommunikation) spezialisieren. Als Vertreter der wenigen “Großen” vor Ort stellt Sascha Venohr die Abteilung “Datenjournalismus” bei Zeit Online vor. Datenjournalismus könnte vor dem Hintergrund immer besser werdender Tools und “steigendem Bedarf” (Julius Tröger, Datenjournalist bei der Berliner Morgenpost) eine Geschäftsidee für immer mehr Kleinunternehmer (es gibt sie natürlich schon, etwa opendatacity) werden.

So vielseitig die Teilnehmer und Projekte, so vielseitig die Arten der Finanzierung. Es gibt Crowdfinanziertes (Juiced), klassische Bannerwerbung (Halloherne.de), gesponserte Beiträge (altona.info), verschiedene Formen von Quersubventionierungen und sogar die Paywall nach dem Metered-Model ist noch recht lebendig (und wird bald bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung eingeführt). Die Vielfalt zeigt: Es gibt kein per se funktionierendes Finanzierungsmodell – es heißt weiter hin “Durchwursteln” (Jürgen-M. Edelmann für den rbb), “Durststrecken überwinden” (Ulrike Langer auf dem Podium “Medienjournalismus”) “Einfach ausprobieren und machen!” (Andi Weiland, sozialhelden e.V. und andere).

Vielleicht sind das die bleibenden Eindrücke von Besser Online 2013: Der (Online-)Journalismus wird kleinteiliger, lokaler, und jeder sucht seinen individuellen Weg. Das hat durchweg positive Effekte: Zum ersten Mal hatte ich bei Besser Online den Eindruck, dass insgesamt weniger gejammert wurde. Vielleicht, weil wieder mehr Journalisten gemerkt haben, dass nur wir selbst einen Wandel herbeiführen können.