„Carnival of Horrors“ oder das Ende der Messe, wie wir sie kannten: Die „Welt der Familie 2014“ in Saarbrücken

Keine Ahnung, was jetzt genau mich zur „Welt der Familie 2014“ in Saarbrücken getrieben hat. Ich habe es auf jeden Fall nicht gefunden. Es war mein erster Besuch und, wenn sich im 53. Jahr nicht dringend was ändert, definitiv mein letzter

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Denn was ich am Donnerstagabend – der als Tag der Highlights mit verlängerter Öffnungszeit angekündigt wurde – vorfand, war so ziemlich das Tristeste, was ich in 13 Jahren in dieser Stadt erlebt habe. Die „Welt der Familie“ kann man sich in etwa so vorstellen, als würde David Lynch einen verkaufsoffenen Sonntag im Industriegebiet West organisieren. Hauptdarsteller: Sämtliche Drückerkolonnen von „Help for animals“ bis zu den „Zeitungsabowerbern). Das Lynchhafte: Die große Leere des Raumes, lange Zeit passiert nichts und plötzlich spielen sich groteske Szenen ab, die eigentlich nur im (Alp-)Traum einen Sinn ergeben.

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Als ich gegen 20 Uhr die Hallen betrat, waren die meisten Stände bereits verwaist. Die, die noch geblieben sind, Herr Gemüsehobel, Frau Staubsauger und Frau Instantsuppe, waren bereits dazu übergegangen, ihre Tristesse mit Wein und Karlsberg zu begießen. Die anderen hatten sich entweder ins Hotel oder in die Eventhalle zurückgezogen. In Letzterer feierten etwa 50 Menschen, darunter vielleicht höchstens 5 Besucher, bei einer völlig überdimensionierten Show des Musicalteams von „Falco meets Mercury“ (sic!sic!) zu „We are the champions!“. So stelle ich mir die letzten Stunden auf der Titanic vor – alles ist egal, wir gehen unter. Obwohl es auf der Titanic vermutlich keine „Leckereien“ aus saarländischer Schlachtung gab. Zum Bier gab es in der Eventhalle nämlich Berge (!) von Riesenprengeln alias Lyoner, Lyoner-Ravioli – und Lyoner Muffins. Als Alternative gab es übrigens eine halbe Tierkühlpizza von Dr. Oetker von 1,50 Euro. WTF?!

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Zum Angebot gibt es nur eins zu sagen: Was hat das mit Familie zu tun?! Die Veranstalter – ja, ich kenne einige von ihnen und fühle daher auch etwas mit – haben sich wohl gedacht: Irgendwie alles. Und deshalb kann man es ja auch viel einfacher vermarkten. Aber wer zur Hölle soll denn bitte von diesem Kuddelmuddel zwischen vor Kitsch triefenden Ölgemälde (Stichwort: Heulende Robben für den Umweltschutz, Preis: 4000 Euro!!), Pelzmäntel, die man vor 30 Jahren in sozialistischen Mangelstaaten getragen hat, französischen Louis XV-Möbeln und High-Tech Klobürsten (sic!) angesprochen werden?!

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Ich schließe mit etwas Positivem: Gefallen haben mit die Flipperautomaten, die perfekt symbolisieren, in welcher Epoche die Messe (vielleicht sogar das Messewesen??) stehen geblieben ist. Und ich fand es nett, dass die Hostessen versucht haben, mir (und sich selbst) die Laune mit Seifenblasen aufzuhellen. Und gut finde ich es auch, dass sich regionale Winzer präsentieren. Dass die aber ausgerechnet in der gleichen Halle mit den Guttemplern, die sich etwa gegen Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft engagieren, zu finden sind, passt zu dieser Veranstaltung wie der Korken in die Flasche. Prost, David Lynch!

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Besser essen…in Saarlouis: Next Stop Libanon

Das Saarland wirbt mit der hohen Dichte an Michelin-Sternen. Wenn mich denn mal jemand einlädt, würde ich gerne mal bei Klaus Erfort ein trüffiertes Süppchen für 20 Euro essen. Aber wie gesagt, nur auf Einladung. Wahre „Sterneküche“ spielt sich für mich auf einem anderen (Preis-)Level ab. Im Saarland sind dieses die vielen, kleinen Restaurants, in denen man schon für 5 bis 10 Euro sehr ordentlich essen kann  – ohne viel Chichi. Dass das Saarland eines der „internationalsten“ Bundesländer in Deutschland ist – was nicht nur mit der Nähe zu Frankreich, sondern mit der starken und sehr vielfältigen Migration zu tun hat (Die Saar-Uni hat den größten Anteil an ausländischen Studenten in Deutschland, fast jeder Fünfte hat „Migrationshintergrund“) – wirkt sich natürlich auch äußerst positiv auf den Speiseplan aus.

Vorspeisen und Fattoush-Salat im "Beirut City". Foto: Wiermer

Vorspeisen und Fattoush-Salat im „Beirut City“. Foto: Wiermer

So können so wunderbare Orte wie das „Beirut City“ in Saarlouis entstehen. Wunderbar? Daran denkt man zunächst nicht, wenn man sich den etwas heruntergekommen Laden direkt an der Eisenbahnunterführung im Saarlouiser Stadtteil Roden von außen ansieht. Das Gebäude hat schon bessere Zeiten gesehen, etwa als es noch als Dorfkino und als klassische Schenke in Betrieb war. Dass sich ausgerechnet hier ein Lokal mit feiner libanesischer Küche befindet, ist der simplen Marktlogik geschuldet: Die Miete ist günstig, im (relativen) Migrantenstadtteil von Saarlouis, in Roden, wohnen und arbeiten viele Libanesen (sehr viele als Autohändler, hier stimmt das Klischee).

Lammtartar und Zunge

Betritt man „Beirut City“ wird man – ästhetisch konsequent – von der Eichenholz- und Eisenlampen-Brachialität altdeutscher Gasthäuser begrüßt. Nun erwartet man eigentlich eine „Brigitte“ oder „Renate“, die hinter Rauchschwaden aus den Mündern von „Günther“ und „Rüdiger“ Pilsblumen kreiert. Aber, nix da: Mit buchstäblich offenen Armen und einem sehr freundlichen „Guten Abend!“ weist mir der Chef einen Platz an einem rustikalen, aber gepflegten Tisch zu. Das Lokal ist gut gefüllt: Arabisch sprechende Großfamilien teilen sich in einem offensichtlich langen Mahl Dutzende Teller. Die Speisekarte (kurz nach meinem Besuch soll es eine neue geben) ist üppig, aber nicht überladen. Neben Scharwarma (arabischer Döner) und Falafel, fallen auch außergewöhnliche Speisen auf: Gebratene Lammzunge, verschiedene Varianten eines libanesischen Frühstücks, Lammtartar. Für Kenner: Das Fleisch stammt aus der Metzgerei von Ali aus dem Saarbrücker „City Basar“.

Die Hauptgerichte werden mit reichhaltigen Vorspeisen, darunter Oliven, Knoblauch- und Chilisaucen und Kabis (eingelegtes Gemüse), serviert. Wer will, kann sich mit dem Beirut-Teller durch die vielfältigen Varianten der Vorspeisen der Levante kosten. Bei zwei Personen ist der Tisch dann aber so voll, so dass man kaum noch weiß, wo man das Glas mit dem leckeren Minztee abstellen soll.

Das Beirut City bei Facebook: https://www.facebook.com/pages/Beirut-City-Libanesische-Restaurant/573585442715507?fref=ts

„Es wird keine Flut geben“: Ein Interview zur Debatte um die Armutsmigration aus Rumänien

Einwanderung aus Rumänien: „Von einer Flut kann nicht die Rede sein“

Alfred Spisländer, Integrationsbeauftragter der Rumänisch-Orthodoxen Kirchengemeinde im Saarland, im Interview.

Vor 25 Jahren floh Alfred Spisländer aus dem rumänischen Timisoara nach Deutschland. Heute ist er unter anderem Sprecher der Rumänisch-Orthodoxen Kirchengemeinde im Saarland mit rund 4700 Gläubigen. Als Integrationsbeauftragter kümmert er sich von Saarlouis aus um die Belange von Rumänen im Saarland. Im Interview mit Patrick Wiermer sprach er über Bettler, Vorurteile und die Folgen der neuen EU-Freizügigkeitsregelung für Rumänen.

Mit dem 1. Januar kam die Freizügigkeitsregelung für Bulgaren und Rumänen. Warum sollten wir uns in Deutschland vor den Rumänen fürchten?

Alfred Spisländer: Das Wort „Furcht“ ist völlig falsch. Wir müssen uns hier nicht vor denen fürchten, die man in der EU haben will. Die Rumänen sind durchschnittliche, freundliche Menschen, die sich nie in den Vordergrund drängen. Außerdem darf man nicht „Rumänen“ mit Roma verwechseln.

Das könnte man jetzt aber so deuten, als wären Roma andere Menschen

Das ist nicht rassistisch gemeint. Rumänien hat einfach viele Nationalitäten, „Roma“ ist nur eine von ihnen.

Woher kommen die Vorurteile in Deutschland gegenüber den Rumänen?

In den Medien wird vor allem über das Negative über Rumänien hervorgehoben.

Aber wenn man durch die Fußgängerzonen geht, etwa in Saarlouis, merkt man schon, dass es immer mehr Bettler und Straßenmusiker, mutmaßlich aus Südosteuropa, auf den Straßen gibt. Ist das ein falscher Eindruck?

Ob die Bettler tatsächlich aus Rumänien kommen, sei mal dahingestellt. Selbst wenn sie Rumänisch sprechen , könnten sie etwa aus den Nachbarstaaten Rumäniens stammen. Auch in Bulgarien und Jugoslawien wird die Sprache nämlich gesprochen. Übrigens sind die Vorurteile über Rumänen haltlos: Die Statistik über schwere Straftaten und auch die Anzahl der Anträge, etwa für Hartz IV und Kindergeld, lassen nicht den Schluss zu, dass es gerade bei den Rumänen erhöhte Auffälligkeiten gibt.

Was sieht die so genannte Armutsmigration konkret im Fall der Rumänen aus?

Ich bestreite, dass wir von Armutsmigration bei den Rumänen reden können. Eine derartige Auswanderung gibt es nur in Ländern, wo das alltägliche Leben unmöglich ist. In Rumänien kann man sehr gut überleben. Der Staat und nicht zuletzt auch westeuropäische Institutionen unterstützen sogar die Ärmsten in den kleinsten Dörfern auf dem Land in ausreichendem Maße.

Wer verlässt eigentlich Rumänien in Richtung Deutschland?

Es sind vor allem die Hochqualifizierten, wie Ärzte und Ingenieure. Alleine 2012 waren 2700 rumänische Ärzte in Deutschland tätig. In der Klinik in Orscholz etwa sind 85 Prozent der Ärzte Rumänen. Die massive Abwanderung von unqualifizierten Arbeitskräften aus Rumänien erfolgte schon vor Jahren als der liberale Zugang in den Länder ermöglicht wurde, die den Zugang zum Arbeitsmarkt liberalisiert hatten, zum Beispiel. Italien, Spanien, Frankreich. Heute ist es für die meisten Unqualifizierten, etwa Hilfsarbeiter, nicht mehr attraktiv nach Deutschland zu kommen. Für eine Arbeit, für die man in Rumänien 500 Euro bekommt, verdient man hierzulande vielleicht 1000 Euro. Dafür muss man aber auch höhere Lebenskosten zahlen und sich oft von seiner Familie trennen. Und generell sind die Rumänen eher eine reisefaules Volk.

Haben Sie Zahlen über die Qualifikation der Migranten?

Offizielle Zahlen über die Qualifikation haben wir als Kirche nicht. Aber in Gesprächen mit unseren Mitgliedern hört man einiges über die Ausbildung heraus. Außerdem muss man wissen, dass alle Rumänen, die bis Mitte der 80er Jahre in Zeiten der Diktatur die Schule besucht haben, eine formale Qualifikation, oft in den technischen Berufen, machen mussten. Und wenn sie heute mit jungen Rumänen sprechen, dann beherrschen fast alle eine Fremdsprache.

Glauben Sie, dass die Abwanderung noch zunehmen wird?

Ich glaube, dass mit der neuen Freizügigkeitsregel vielleicht der ein oder andere Rumäne mehr nach Deutschland kommt. Das betrifft noch ein paar Hochqualifizierte, die noch nicht von den bis hierhin ohnehin einfachen Zuzugsmöglichkeiten, etwa für Fachkräfte oder Selbstständige, nach Deutschland profitiert haben. Von einer „Flut“ kann auf jeden Fall nicht die Rede sein.

Was bedeutet die Abwanderung für Rumänien?

Auch wenn noch kein Krankenhaus geschlossen werden musste: Es fehlen schon jetzt überall rumänische Ärzte. Die freien Stellen können noch mit Nicht-EU-Bürgern, vor allem aus dem Nahen Osten, besetzt werden. Ein Problem ist auch die fehlenden Rückwanderung: Die Rumänen kommen, um zu bleiben – und leisten auch gerne ihren Beitrag für das Sozialsystem.

Laut ARD-Deutschland-Trend befürworten 68 Prozent der Deutschen eine Zuwanderung von qualifizierten Arbeitern aus dem Ausland. 70 Prozent wollen aber, dass Zuwanderer aus EU-Ländern, die in Deutschland keine Arbeit suchen, das Land wieder verlassen sollen. Ist man in Deutschland ausschließlich willkommen, wenn man zum Wirtschaftssystem beiträgt?

Das glaube ich nicht. In der Kirche würden wir ja als Erste von Problemen mit Deutschen erfahren, da wir die Rumänen ja auch seelsorgerisch betreuen. Wir hören im Gegenteil aber nur Positives. Die Deutschen gelten als liebes und hilfsbereites Volk.

Was müsste sich ihrer Meinung nach ändern, um das Verhältnis zwischen Deutschen und Rumänen zu verbessern? Was kann die Politik tun?

Am besten macht man sich selbst ein Bild von Land und Leute. Prince Charles ist ja dadurch auch zum einem richtigen Rumänien-Freund geworden. Und die Politik sollte sich einmal auf die Grundidee der Freizügigkeit berufen und aufhören, das Thema populistisch auszuschlachten.

Der Interview erscheint auch in DIE WOCH saarlandweit.

Let´s talk about Inhalte, Regionalzeitungen

Kurzmitteilung

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Das Schirmdrama von Werschweiler wurde zum viralen Hit im Saarland. Quelle: Saarbrücker Zeitung

Viele Lokale- und Regionalzeitungen haben ein inhaltliches Problem. Darüber wird allerdings viel zu selten debattiert. Vielmehr dominieren Diskussionen über Strukturanpassungen und neue Erlösformen die Thesenkataloge zur Zukunft der Zeitung. Doch wie soll die Marke Regionalzeitung langfristig wirtschaftlichen Erfolg haben, wenn das Produkt nicht stimmt?

Immerhin: Bei den meisten bundesweit erscheinenden Zeitungen scheinen sich auf dem Weg zu einer Markenbildung inhaltliche Schwerpunkte zu formen. Bild wird immer mehr zu Bild +, also eine Bild im Netz mit Klickware. Der Spiegel schafft allmählich wieder die Kurve von der „Apotheken-Rundschau“ zum echten Nachrichtenmagazin mit Relevanz. Die Zeit hat die Studenten für sich entdeckt, was sich als Frischzellenkur erweist, und die FAZ bleibt die alte Tante FAZ mit ihrer gefühlten, angenehmen Zeitlosigkeit.

Aber was ist mit den Hunderten von Lokal- und Regionalzeitungen, die Lohn und Brot für Tausende Journalisten liefern? Sie sind meiner Meinung nach die größte publizistische Baustelle in diesem Land – vor allem auch was ihre inhaltliche Ausrichtung betrifft.

Welche Inhalte muss eine Regionalzeitung also in Zukunft liefern? Hier ein paar Gedanken:

Still gold: Klare Trennung von PR und Redaktion

Weder den Zeitungen selbst, noch den Anzeigenkunden ist mit dem kruden Durcheinander von Gefälligkeitstexten, Advertorials und Sonderveröffentlichungen gedient. Von Superlativen, mit immer den gleichen (weil günstigen) Stockbildern aufgehübschte, kurz: einfach lieblos gemachte PR, wird von den Lesern mit Nicht-Beachtung bestraft. Und wenn immer mehr PR im Gewand von redaktionellen Artikeln daherkommt (ähnliche Schriftarten, Platzierung etc.), wird der Leser nicht mehr unterscheiden wollen zwischen journalistischen und werblichen Inhalten – er wird einfach alles für bezahlten Inhalt halten und der Zeitung misstrauen.  Eine klare Trennung von PR und Redaktion wertet die Inhalte für beide Seiten wieder auf: Redaktionen müssen sich wieder auf rein journalistische Arbeit konzentrieren können, um das Alleinstellungsmerkmal „Glaubwürdigkeit“ aufzubauen und zu pflegen. Gleichzeitig müssen Anzeigen wieder klar erkenntlich gemacht werden. Genau das wird meiner Erfahrung als Redakteur eines Anzeigenblattes nach auch von immer mehr Kunden gewünscht: Klar erkenntliche, gut gemachte PR ist immer besser als Werbetexte, die mühsam als Redaktionstexte verkleidet werden.

Das Ende der „Heimatzeitung“

Haus- und Hofberichterstattung, die die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft inszeniert, wird von den Lesern gnadenlos erkannt und abgestraft. Dazu haben nicht zuletzt auch die Sozialen Netzwerke beigetragen. Auch das Konzept der „Heimatzeitung“, mit ihrer vermeintlichen Lesernähe (Leserfotos, Umfragen, Leseraktionen) und dem Lobgesang auf das Heimatidyll (Fotos von Sonnenaufgängen an der Mülldeponie Piesberg), schwächt, wenn zu exzessiv betrieben, die eigene Kompetenz: Der ausgewogene, kritische Blick auf die Geschehnisse in der Region. Noch haben viele Redaktionen der Regionalzeitungen den besten Zugriff auf Primärquellen – ein Pfund, mit dem man (noch) wuchern kann. Ein Pfund, das letzlich Abonnenten und Anzeigenkunden zu schätzen wissen.

Die Wächterfunktion nicht unterschätzen

Wegen des Kostendrucks werden mittlerweile viele Stadtrats-, Gemeinderats- und Kreistagssitzungen nicht mehr besucht. Sie sind aber immer noch lokaljournalistisches Pflichtprogramm: Sie sind unverzichtbare Themenquellen, gerade nichtöffentliche Teile von Sitzungen bieten oft Stoff für investigative Geschichten. Aber mehr noch: Wer glaubwürdig über Lokalpolitik schreiben will, muss die Politiker durch die Besuche der Sitzungen ernst nehmen und sie dadurch gleichzeitig wissen lassen, dass sie unter kritischer Beobachtung stehen. Eine Berichterstattung sollte sich aber nicht auf die Wiedergabe endloser Wortgefechte in holzvertäfelten Mehrzweckhallen konzentrieren, sondern die Spitzen der Debatte widerspiegeln.

Themen setzen statt Termine wahrnehmen

Der Bürgermeister lädt zum Spatenstich ein – das ist eigentlich nur für den Amtsträger und diejenigen Menschen interessant, die sich in der Dankesrede wiederfinden. Terminjournalismus ist in der Regel nicht nur öde, seine Bedeutung wird auch überschätzt. Zumal es auch keine „Chronistenpflicht“ mehr gibt, da derartige Terminveranstaltungen oft von den Öffentlichkeitsarbeitern mehrere Institutionen besucht und abgedeckt werden. Leser wollen nicht wissen, wer wo den Spaten hineingesteckt hat und wer wem dafür dankt, sie wollen erfahren, warum die neue Bundesstraße ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier gebaut werden muss, wer davon profitiert und betroffen ist. Und was der Spaß natürlich kostet. Hier bieten sich neue journalistische Darstellungsformen an, die durch mittlerweile kostengünstig, schnell und ohne großes technisches Verständnis einsetzbar sind. Bei Bedarf sollte man sich dafür auch ein paar Tage Zeit lassen, den Kampf um die Aktualität verliert man in der Regel sowieso schon im Internet.

Vom Massenblatt zum Liebhaberprodukt

Den Leser ernstnehmen, den Leser ernstnehmen, den Leser ernstnehmen: Es hilft, wenn man sich nicht nur als Redakteur, sondern auch als Leser begreift. Wie oft ärgert man sich selbst als Leser, wenn Texte nicht in die Tiefe gehen, wo sie es eigentlich müssten, Sachverhalte nicht ausreichend eingeordnet werden, Fachbegriffe nicht sachkundig erklärt, Zahlen (etwa frisierte Daten der GfK, der IHK und der Arbeitsagentur) brav heruntergebetet werden und man für dumm (sprich: Für den vermeintlichen „typischen Leser zwischen 60-70 aus dem hinterletzten Kaff“) gehalten wird. Um das zu ändern, braucht man Zeit und Manpower. Eine Investition in diesem Bereich hilft Regionalzeitungen, sich neu aufzustellen, nachdem das alte Informationsmonopol durch Anzeigenblätter, Amtsblätter, PR-Zeitungen und das Internet längst gefallen ist. Prinzipiell müssten Regionalzeitungen somit auch nicht mehr die breite Masse und den „dümmsten angenommen Leser“ ansprechen, sondern sich auf einen neuen Lesertypus konzentrieren: Den gut informierten, lokal gut vernetzten Journalismusliebhaber. Dieser ist vielleicht sogar bereit etwas mehr bezahlen zu wollen – allerdings natürlich nur für gute Inhalte.

Besser essen in Saarbrücken: Shanghai im Saarland

Hier mein erster Beitrag aus der Rubrik „Köstliches“. Und ich beginne mit meinem absoluten Geheimfavoriten in Saarbrücken: das „China Restaurant“ in der Saarbrücker Hohenzollerstraße. Warum geheim? Es liegt zum einen am unscheinbaren Klischee-Namen „China Restaurant“. Zum anderen liegt das Restaurant extrem versteckt im kulinarisch eher unterentwickelten (mit einigen sehr positiven Ausnahmen) Alt-Saarbrücken zwischen Netto und HTW. Bei Facebook hat das Restaurant lediglich rund 130 Fans. Das möchte ich mit diesem Beitrag ändern.

Kurz: Es ist das aktuell beste China-Restaurant dieser Stadt mit einem unglaublichen Preis-Leistungsverhältnis, hevorragendem, wirklich (!) authentischem Essen und einem – für ein familiär geführtes Restaurant – sehr guten Service (die Reihenfolge ist beliebig). Die sehr freundliche und sehr gesprächige Pächterfamilie hat den Laden 2010 übernommen und die Küche ihrer Shanghaier Heimat mitgebracht. Ein Blick ins Interieur offenbart aber eine längere Geschäftsgeschichte: Das Restaurant soll laut aktuellem Pächter in den 50er-Jahren eröffnet worden sein – es sei eines oder das erste China-Restaurant Deutschlands.

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Die Schlacht ist gewonnen: Eine Tafel für sieben Personen, unter anderem mit Peking Ente und chinesischen „Crêpes“, süss-saurem Schweinfleisch und gebratenem Schweinemagen. Foto: Patrick Wiermer

Das wäre natürlich eine echte Sensation für Saarbrücken – und würde die Besucherzahlen vermutlich stark ansteigen lassen. So bleibt es ein Geheimtipp, für Chinesen, die entweder in Saarbrücken studieren oder sich im Reisebus nach einer Visite in der Region heranfahren lassen, und für ein paar versprengte Westeuropäer, die sich hier für 5,50 Euro (!) am Mittagsbuffet bedienen. Das führt zum Essen: Das Buffet habe ich nicht getestet, aber alle Speisen auf der sehr umfangreichen Karte (geschätzt 150 Gerichte) haben überzeugt. Meine Favoriten sind ohne Zweifel der gebratenen Schweinemagen mit Peperoni, das knusprig gebratenen, süß-saure Schweinefleisch (das nichts (!) mit dem üblichen China-Imbiss-Fraß zu tun hat) und die hausgemachten Maultauschen. Die Portionen sind sehr üppig. Eigentlich reichen zwei Teller für drei Personen, es bietet sich allerdings an ein bisschen mehr zu bestellen, um mehrere Gerichte zu probieren. Preislich ist das alles kein Problem: Ich habe selten mehr als 12 Euro für ein komplettes Abendessen mit Dessert bezahlt.

100 000 Dollar in vier Stunden: Crowdfunding im Radio

Nein, ich kann Rihanna nicht mehr hören! Und die Black Eyed Peas, Miley Cyrus und diesen ganzen Dance-Pop, bei dem gepitchte Stimmen über einen 90er-Beat jaulen. Ich muss es aber auch nicht: Dank Squeezebox und Internet kann ich je nach Lust und Laune durch die buchstäblichen Radiowelt switchen. Ich könnte K-Pop und christlichem Rap aus den USA lauschen oder pakistanischen Seekühen beim Singen zuhören (naja, fast. Aber Sender, die den Sound der Natur spielen, gibt es natürlich en masse). Aus dem unglaublich vielfältigen Angebot haben sich allerdings zwei Sender herauskristallisiert, die meine tägliche Playlist dominieren: Das Internetradio des öffentlich-rechtlichen „Catalunya Rádio“ icatradio.cat aus Barcelona mit seinen hervorragenden Genre-Wellen icatronica und icatjazz sowie der grandiosen Musiksendung „Delicatessen“ und der Uni-Sender aus Seattle KEXP.

Die Katalanen begeistern mich vor allem mit ihrer Musikauswahl: icatronica spielt elektronische Musik im weitesten Sinne, icatjazz legt Jazz in allen Facetten auf – beides funktioniert ohne Werbung, ohne Nachrichten, ohne Moderation. Die Musik ging mir bislang noch nie auf die Nerven.  Die Sendung „Delicatessen“ läuft täglich ab 21 Uhr auf Icat, der Hauptwelle von Catalunya Rádio (vergleichbar mit SR1) oder als Podcast. Wer die Moderation nicht hören möchte, kann sich die Songs auch bequem als Spotify-Playlist herunterladen. Was gibt es zu hören? Vornehmlich alternativer Rock mit melancholischer Note (etwa Calexico).

Gemischtere Töne gibt es bei KEXP aus Seattle: Wer den Sender am Sonntagmorgen aufdreht, bekommt (dank Zeitverschiebung) dunklen Metal ins Gesicht geföhnt. An anderen Tagen gibt es Reggae, alternative Latin-Music oder Country (der nicht nach Kuhstall riecht). Die klassische „Morning Show“ spielt übrigens Joy Division uns Musik von lokalen Bands statt Rihanna.  Das kommt an: Über das Internet wird der Sender weltweit gehört, in den USA ist er nach dem Ausbau des Networks nahezu landesweit zu hören. Der Podcast „Music that matters“, der ein Auswahl neuer Musik präsentiert, wird tausendfach heruntergeladen. Dennoch wird nicht auf lokale News und Debattensendungen, in den Politiker über lokale Themen streiten, verzichtet.

Interessant ist auch, wie sich KEXP finanziert: Öffentliche Sender wie icatradio in Barcelona finanzieren sich ausschließlich über den Steuereinnahmen. Öffentliche Sender in den USA tun dies über Stiftungen und Sponsoren. Im Gegenzug werden die Spender öffentlich benannt, oft als kleine, etwa zehn Sekunden lange Inserts – so auch bei KEXP. Erreicht eine Sendung nicht ein gewisses Finanzierungslimit, steht sie auf dem Prüfstand: Über mehrere Stunden muss dann aggressives Fundraising betrieben werden. Bei der „Morning Show“ wurde vor ein paar Tagen stundenlang zu Spenden aufgerufen. Mit beachtlichem Erfolg: In vier Stunden haben mehrere tausend Privatspender über 100 000 Dollar überwiesen. Ich frage mich, ob hierzulande Menschen bereit wären für eine Morgen-Show auf einem Privatsender derart viel Geld zu spenden…

Besser Online 2013: Weniger jammern, mehr machen

Schön war´s bei der DJV-Tagung Besser Online 2013 beim ZDF in Mainz. Für mich war es die vierte als Besucher und die zweite als Mitorganisator, daher fällt mein Fazit vielleicht etwas voreingenommen aus. Für mich bot Besser Online auf jedem Fall viel Altbekanntes und etwas Neues.

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Altbekanntes konnte man leicht an Sätzen wie “Dem Lokaljournalismus im Internet gehört die Zukunft”. Dass sich einige Diskussionen im Kreis drehen, hängt meiner Ansicht damit zusammen, dass sich die Parameter für den Journalismus kaum verändert haben. Ich hoffe, wie viele Teilnehmer offenbar auch noch nach Jahren von Stagnation/Kürzungen darauf, dass Medienhäuser, Verlage und Rundfunkanstalten mit ihrer wirtschaftlichen und informationellen Macht die Entwicklung neuer (nachhaltiger) Geschäftsbereiche vorantreiben und – ja! -auch den Online-Journalismus stärken – nicht zuletzt auch in ihrem Interesse. “Da kannste lange warten!”, entgegnet mir ein Kollegen sinngemäß. “Man muss das Heft in die Hand nehmen und was eigenes machen”. Er hat natürlich nicht unrecht, der Kollege.

Inspiration für eigene Projekte gab es zuhauf bei Besser Online: Klein- und Kleinstunternehmen, die sich auf Branchen (Modeblogs; das von Frauen gemachte Männermagazin Centurio), lokalen Journalismus (eher konservativ wie altona.info, eher kritisch wie hh-mittendrin.de oder eher wie halloherne.de, sprich: keine Kommentare, keine Meinungen, dafür Nachrichtenjournalismus pur) oder auf Dienstleistungen (Beratung, Kommunikation) spezialisieren. Als Vertreter der wenigen “Großen” vor Ort stellt Sascha Venohr die Abteilung “Datenjournalismus” bei Zeit Online vor. Datenjournalismus könnte vor dem Hintergrund immer besser werdender Tools und “steigendem Bedarf” (Julius Tröger, Datenjournalist bei der Berliner Morgenpost) eine Geschäftsidee für immer mehr Kleinunternehmer (es gibt sie natürlich schon, etwa opendatacity) werden.

So vielseitig die Teilnehmer und Projekte, so vielseitig die Arten der Finanzierung. Es gibt Crowdfinanziertes (Juiced), klassische Bannerwerbung (Halloherne.de), gesponserte Beiträge (altona.info), verschiedene Formen von Quersubventionierungen und sogar die Paywall nach dem Metered-Model ist noch recht lebendig (und wird bald bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung eingeführt). Die Vielfalt zeigt: Es gibt kein per se funktionierendes Finanzierungsmodell – es heißt weiter hin “Durchwursteln” (Jürgen-M. Edelmann für den rbb), “Durststrecken überwinden” (Ulrike Langer auf dem Podium “Medienjournalismus”) “Einfach ausprobieren und machen!” (Andi Weiland, sozialhelden e.V. und andere).

Vielleicht sind das die bleibenden Eindrücke von Besser Online 2013: Der (Online-)Journalismus wird kleinteiliger, lokaler, und jeder sucht seinen individuellen Weg. Das hat durchweg positive Effekte: Zum ersten Mal hatte ich bei Besser Online den Eindruck, dass insgesamt weniger gejammert wurde. Vielleicht, weil wieder mehr Journalisten gemerkt haben, dass nur wir selbst einen Wandel herbeiführen können.