Durchgezappt: Spaniens Fernsehen in der Krise

Falsche Grafik in den Hauptnachrichten von TVE

Falsche Arbeitslosenstatistik in den Hauptnachrichten von TVE. Quelle: vayatele

Seit ein paar Jahren schaue ich deutlich mehr spanisches Fernsehen als deutsches – das Internet macht´s möglich. Zum gepflegten Abendessen (selten vor 21 Uhr) gehören eben auch die spanischen Nachrichten, um über die neuesten Verfehlungen aus dem spanischen Königshaus und die neuesten Festnahmen in Dutzenden parallel laufenden Verfahren gegen die „tramas“ (Korruptionsnetzwerke) auf dem Laufenden zu bleiben. Aber auch aus beruflicher Sicht ist es interessant zu sehen, wie sich das spanische Fernsehen in den vergangenen, von der Krise geprägten Jahren entwickelt hat. Das Privatfernsehen ist dabei spannenderweise die treibende Kraft hinter kritischen Journalismus, während das Staatsfernsehen sich politisch immer abhängiger macht. Durchgezappt.

Die Wirtschaftskrise hat in der Fernsehlandschaft deutliche Spuren hinterlassen, deutlich ist das aktuell bei den Regionalsendern zu sehen: Der öffentlich-rechtliche Sender für die Region Valencia, RTTV mit seinem Hauptsender Canal 9, wurde im Herbst von der Regionalregierung geschlossen. Nachdem bereits der katalanischsprachige Sender TV3 im Jahr 2011 in der Region aus dem Sendernetz verbannt wurde, gibt es seither kein Programm mehr in der Regionalsprache. Dahinter stecken neben finanziellen Gründen, auch politische. Im sonst so treuen Regierungssender mehrten sich in den letzten Monaten kritische Stimmen, nicht zuletzt stand der Sender wegen Korruption, Zensur und vermeintlicher Fälle von sexueller Nötigung seitens der Chefetage immer mehr im Kreuzfeuer.

Wirklich beliebt war der Sender nach einigen Gesprächen mit Valenzianern nur, weil er in der Regionalsprache Valenzianisch sendete, über lokale Ereignisse (vor allem Stadtfeste) und Sport (Fußball) berichtete und viele internationale Kinderserien (Dragon Ball) nach Spanien brachte. Solange es der Region dank Bauboom gut ging, Geld für überdimensionierte Großveranstaltungen (Formel 1, America´s Cup) und Großbauten (Neues Mestalla-Stadion, Filmstudio Ciudad de la Luz und Ciudad de las Artes y la Ciencias) da war, schauten die meisten Valencianos offenbar auch über die sehr einseitige Berichterstattung des Senders hinweg.

Der Fall Canal 9

Mit Verschärfung der Krise und dem finanziellen Scheitern der „Politik der großen Events“ (Das Mestalla ist seit drei Jahren Bauruine, die Ciudad de la Luz pleite, Formel 1 und America´s Cup sind weitergezogen) bröckelte auch der Rückhalt für RTVV. Die Krise um die Schließung gipfelte im Kapern des Senders Canal 9 durch die Belegschaft und mit der tagelangen Ausstrahlung eines Piratenfernsehens. Der Fall Canal 9 gilt als Präzedenzfall für andere Sender der Spanischen Autonomien (vergleichbar mit Bundesländer): Akut von einer Schließung gefährdet sind etwa TeleMadrid und TV3 (Katalonien), offiziell aus finanziellen Gründen.

Auch der Staatssender RTVE, der täglich um 21 Uhr die Hauptnachrichten zeigt, erfuhr in den Krisenjahren einige tiefgreifende Änderungen. Mit dem Regierungswechsel auf dem Höhepunkt der Krise (Rajoy folgt Zapatero), so wird vermutet, habe sich die Situation bei den Nachrichtenangeboten zusehends verschlechtert, sagt etwa das „Consejo de Informativos de TVE“, einer Art Personalrat bei RTVE, der unter anderem die Qualität der Nachrichtensendungen überwachen soll. Vor allem mit der Einsetzung eines neuen Intendanten durch die PP im Jahr 2012 habe die Unabhängigkeit der Berichterstattung deutlich abgenommen. Als regelmäßiger Zuschauer ist mir aufgefallen, dass das eher kritische nationale Themen in der Hauptnachrichtensendung nach hinten rutschen oder in nur kurzen Beiträgen behandelt wird. Dies ist natürlich objektiv schwer zu prüfen. Auffällig sind aber einige personelle Veränderungen. So wurde Julio Somoano im Jahr 2012 Nachrichtenchef bei RTVE, als Nachfolger von Fran Llorente, der in seiner Zeit neue, kritische Formate wie die Interviewsendung „59 segundos“ eingeführt hatte. Somoano präsentierte zuvor die Nachrichten beim eher rechts einzuordnenden TeleMadrid und gilt als stark von der Regierungspartei PP abhängig – unter anderem schrieb Somoano eine Masterarbeit unter dem Titel „Strategien für den Triumph der PP bei den kommenden Parlamentswahlen“. Unter dem neuen Intendanten wurde auch die durch die beliebte Morgensendung „Los desayunos de TVE“ bekannte Journalistin Ana Pastor entlassen, die ihr Handwerk unter anderem bei der eher linken Cadena Ser erlernte.

Der Medienwandel: La Sexta und kritische Formate

Pastor, 37 Jahre alt, steht aber auch für den Medienwandel in Spanien, der maßgeblich von – und das wäre wohl in Deutschland zurzeit undenkbar – von den Privatsendern angestoßen wurde. So moderiert Pastor auf La Sexta seit Juni 2013 das Fact-Check-Format „El objetivo“, bei dem Politiker mit Fakten konfrontiert werden. Im Mittelpunkt stehen lange Interviews. Positiv fällt auf, wie Pastor ihr Gegenüber ausreden lässt, kritisch nachhakt und sich nicht mit Floskeln abgibt – eher das Gegenteil von den üblich sehr hitzig geführten Debatten im spanischen Fernsehen, etwa bei „La Sexta Noche“, das seit 2013 am Samstagabend zur besten Sendezeit (21.30 Uhr) ausgestrahlt wird. Bei dem zweistündigen Format diskutieren vier Journalisten von vier Zeitungen aus verschiedenen politischen Lagern über aktuelles Geschehen. In Deutschland wäre das so, als würde der „ARD-Presseclub“ jeden Samstag, um 20.15 Uhr bei ProSieben ausgestrahlt werden, mit Jakob Augstein, Jan Fleischhauer, Henryk M. Broder und Harald Schumann auf dem Podium.

Von ausgesprochener Beliebtheit, vor allem bei der von der Krise am stärksten betroffen Generation, ist „Salvados“. Das einstündige Dokuformat, das seit 2008 am Sonntagabend, 21.30 Uhr, gezeigt wird, behandelt aktuelle Gesellschaftsthemen: Die Bausünden in Spanien, die Bankenrettung, die Korruptionsfälle, die Rolle der Justiz. Moderator Jordi Evolé, der vor allem als Comedian bei der spanischen „Heute Show“ (Intermedio, täglich, 21.30 Uhr, ebenfalls La Sexta) bekannt wurde, interviewt dabei schlagfertig und einfühlsam Betroffene, Täter und Hintermänner bei Skandalen. Investigativen Journalismus bietet seit 2012 auch die Sendung „La Sexta Columna“ (freitags, 21.30 Uhr), die in einer denkwürdigen Folge etwa den Einfluss und die Steuerbefreieung der katholischen Kirche in Spanien hinterfragte.

Sehr sehenswert ist – wenn man Katalanisch versteht – auch das Satire-Format „Polònia“ auf TV3 (Die „Polen“ ist eine abschätzige Bezeichnung vieler Spanier für die Katalanen). Es ist zwar kein journalistisches Format, das kritische Potenzial ist allerdings bemerkenswert. In sensationell guten Parodien werden Personen des Zeitgeschehens – vom Papst bis Angela Merkel – persifliert. Als eines der ersten Fernsehsendungen kritisiert „Polònia“ auch das spanische Königshaus. Die Schmähung Juan Carlos´ ist immer noch ein Tabu in den spanischen Medien. Das Programm läuft so erfolgreich, dass es seit einigen Jahren auch den Spin-Off „Crackòvia“ zu sehen gibt. Darin werden bekannte Fußballer parodiert.

Immerhin, so scheint es: Der Humor ist das letzte Opfer der Krise.

„Es wird keine Flut geben“: Ein Interview zur Debatte um die Armutsmigration aus Rumänien

Einwanderung aus Rumänien: „Von einer Flut kann nicht die Rede sein“

Alfred Spisländer, Integrationsbeauftragter der Rumänisch-Orthodoxen Kirchengemeinde im Saarland, im Interview.

Vor 25 Jahren floh Alfred Spisländer aus dem rumänischen Timisoara nach Deutschland. Heute ist er unter anderem Sprecher der Rumänisch-Orthodoxen Kirchengemeinde im Saarland mit rund 4700 Gläubigen. Als Integrationsbeauftragter kümmert er sich von Saarlouis aus um die Belange von Rumänen im Saarland. Im Interview mit Patrick Wiermer sprach er über Bettler, Vorurteile und die Folgen der neuen EU-Freizügigkeitsregelung für Rumänen.

Mit dem 1. Januar kam die Freizügigkeitsregelung für Bulgaren und Rumänen. Warum sollten wir uns in Deutschland vor den Rumänen fürchten?

Alfred Spisländer: Das Wort „Furcht“ ist völlig falsch. Wir müssen uns hier nicht vor denen fürchten, die man in der EU haben will. Die Rumänen sind durchschnittliche, freundliche Menschen, die sich nie in den Vordergrund drängen. Außerdem darf man nicht „Rumänen“ mit Roma verwechseln.

Das könnte man jetzt aber so deuten, als wären Roma andere Menschen

Das ist nicht rassistisch gemeint. Rumänien hat einfach viele Nationalitäten, „Roma“ ist nur eine von ihnen.

Woher kommen die Vorurteile in Deutschland gegenüber den Rumänen?

In den Medien wird vor allem über das Negative über Rumänien hervorgehoben.

Aber wenn man durch die Fußgängerzonen geht, etwa in Saarlouis, merkt man schon, dass es immer mehr Bettler und Straßenmusiker, mutmaßlich aus Südosteuropa, auf den Straßen gibt. Ist das ein falscher Eindruck?

Ob die Bettler tatsächlich aus Rumänien kommen, sei mal dahingestellt. Selbst wenn sie Rumänisch sprechen , könnten sie etwa aus den Nachbarstaaten Rumäniens stammen. Auch in Bulgarien und Jugoslawien wird die Sprache nämlich gesprochen. Übrigens sind die Vorurteile über Rumänen haltlos: Die Statistik über schwere Straftaten und auch die Anzahl der Anträge, etwa für Hartz IV und Kindergeld, lassen nicht den Schluss zu, dass es gerade bei den Rumänen erhöhte Auffälligkeiten gibt.

Was sieht die so genannte Armutsmigration konkret im Fall der Rumänen aus?

Ich bestreite, dass wir von Armutsmigration bei den Rumänen reden können. Eine derartige Auswanderung gibt es nur in Ländern, wo das alltägliche Leben unmöglich ist. In Rumänien kann man sehr gut überleben. Der Staat und nicht zuletzt auch westeuropäische Institutionen unterstützen sogar die Ärmsten in den kleinsten Dörfern auf dem Land in ausreichendem Maße.

Wer verlässt eigentlich Rumänien in Richtung Deutschland?

Es sind vor allem die Hochqualifizierten, wie Ärzte und Ingenieure. Alleine 2012 waren 2700 rumänische Ärzte in Deutschland tätig. In der Klinik in Orscholz etwa sind 85 Prozent der Ärzte Rumänen. Die massive Abwanderung von unqualifizierten Arbeitskräften aus Rumänien erfolgte schon vor Jahren als der liberale Zugang in den Länder ermöglicht wurde, die den Zugang zum Arbeitsmarkt liberalisiert hatten, zum Beispiel. Italien, Spanien, Frankreich. Heute ist es für die meisten Unqualifizierten, etwa Hilfsarbeiter, nicht mehr attraktiv nach Deutschland zu kommen. Für eine Arbeit, für die man in Rumänien 500 Euro bekommt, verdient man hierzulande vielleicht 1000 Euro. Dafür muss man aber auch höhere Lebenskosten zahlen und sich oft von seiner Familie trennen. Und generell sind die Rumänen eher eine reisefaules Volk.

Haben Sie Zahlen über die Qualifikation der Migranten?

Offizielle Zahlen über die Qualifikation haben wir als Kirche nicht. Aber in Gesprächen mit unseren Mitgliedern hört man einiges über die Ausbildung heraus. Außerdem muss man wissen, dass alle Rumänen, die bis Mitte der 80er Jahre in Zeiten der Diktatur die Schule besucht haben, eine formale Qualifikation, oft in den technischen Berufen, machen mussten. Und wenn sie heute mit jungen Rumänen sprechen, dann beherrschen fast alle eine Fremdsprache.

Glauben Sie, dass die Abwanderung noch zunehmen wird?

Ich glaube, dass mit der neuen Freizügigkeitsregel vielleicht der ein oder andere Rumäne mehr nach Deutschland kommt. Das betrifft noch ein paar Hochqualifizierte, die noch nicht von den bis hierhin ohnehin einfachen Zuzugsmöglichkeiten, etwa für Fachkräfte oder Selbstständige, nach Deutschland profitiert haben. Von einer „Flut“ kann auf jeden Fall nicht die Rede sein.

Was bedeutet die Abwanderung für Rumänien?

Auch wenn noch kein Krankenhaus geschlossen werden musste: Es fehlen schon jetzt überall rumänische Ärzte. Die freien Stellen können noch mit Nicht-EU-Bürgern, vor allem aus dem Nahen Osten, besetzt werden. Ein Problem ist auch die fehlenden Rückwanderung: Die Rumänen kommen, um zu bleiben – und leisten auch gerne ihren Beitrag für das Sozialsystem.

Laut ARD-Deutschland-Trend befürworten 68 Prozent der Deutschen eine Zuwanderung von qualifizierten Arbeitern aus dem Ausland. 70 Prozent wollen aber, dass Zuwanderer aus EU-Ländern, die in Deutschland keine Arbeit suchen, das Land wieder verlassen sollen. Ist man in Deutschland ausschließlich willkommen, wenn man zum Wirtschaftssystem beiträgt?

Das glaube ich nicht. In der Kirche würden wir ja als Erste von Problemen mit Deutschen erfahren, da wir die Rumänen ja auch seelsorgerisch betreuen. Wir hören im Gegenteil aber nur Positives. Die Deutschen gelten als liebes und hilfsbereites Volk.

Was müsste sich ihrer Meinung nach ändern, um das Verhältnis zwischen Deutschen und Rumänen zu verbessern? Was kann die Politik tun?

Am besten macht man sich selbst ein Bild von Land und Leute. Prince Charles ist ja dadurch auch zum einem richtigen Rumänien-Freund geworden. Und die Politik sollte sich einmal auf die Grundidee der Freizügigkeit berufen und aufhören, das Thema populistisch auszuschlachten.

Der Interview erscheint auch in DIE WOCH saarlandweit.

Was Journalisten heute lernen müssen: Autonom denken

Was Journalisten heute lernen müssen? Eine Antwort für alle Journalisten von einem, der gerade mal 32 ist – das wäre vielleicht doch ein bisschen zu altklug. Daher versuche ich mich an einer Antwort für meine Generation und die Generation, die folgt.

Die Zeiten, in denen Verlage und Rundfunkanstalten jahrelang Brötchen und das Dach über dem Kopf bezahlt haben, dürfte für die große Mehrheit junger Journalisten vorbei sein. Es gibt keine festen Anstellungen mehr, Tarifverträge sind wohl ein Auslaufmodell, als Freier wird man auch in Zukunft in der Regel nicht weniger am Existenzminimum kratzen als heute. Es macht wenig Sinn, darauf zu warten, dass sich die Medienlandschaft von alleine wieder wirtschaftlich erholt (obwohl ich es natürlich hoffe).Autonom denkende Journalisten haben in Zukunft vermutlich die besten Karten. Und Autonomie kann man lernen. Eine Typologie der Schreiberlinge mit Zukunft:

a) Journalisten, die auf ihrem Spezialgebiet hervorragend sind, über ein ausgezeichnetes Handwerkszeug verfügen oder sonst irgendein Alleinstellungsmerkmal besitzen. Sie haben es leichter, ihre Fähigkeiten individuell und flexibel zu vermarkten. Im Idealfall haben diese Nachwuchsschreiber schon im Studium ihre inhaltliche Stärken vertieft. Wer es noch nicht weiß, was ihn eigentlich brennend interessiert, kann es natürlich immer noch herausfinden. Inspirationsquellen für mich waren einige Kurse bei Coursera sowie interessante Vorträge und Diskussionen bei Netzwerktreffen (Barcamps, Stammtische) und Kongressen.

b) Journalisten, die flexibel und pragmatisch denken. Sie schaffen es, den meistens wenig lukrativen Traumjob des Schreibens mit einträglicheren Erlösquellen zu verbinden. (Nein: Es geht nicht darum, sich für 50 Euro/Stunde zu prostituieren, darüber eine Reportage zu schreiben und diesen Text dann für 15 Cent/Zeile an die Lokalzeitung zu verkaufen.)  Es gibt bereits viele Freie, die sich über (manchmal unliebsame) PR-Aufträge die materielle Unabhängigkeit für „Sahne-Geschichten“ erwirtschaften (und zugegebenermaßen auch viele, die es trotzdem nicht schaffen). Die Vermischung ist heute normal und dürfte für die meisten Auftraggeber mittlerweile kein größeres Problem darstellen.

c) Journalisten, die konzeptionelle Stärken haben und unternehmerisch denken können. Diese könnten zusammen mit anderen neue Existenzen gründen und gegebenenfalls neue Arbeitsplätze schaffen – und nicht zuletzt sich selbst den Job basteln, den sie vielleicht immer schon mal machen wollten. Noch unterstützt der Staat Neugründer recht großzügig, gleichzeitig werden die Tools (Redaktionssysteme, Layout-Programme etc.) immer günstiger. Noch nie war es wohl so einfach wie heute, sein eigenes journalistisches Projekt zu schaffen – vor allem im Internet. Was allerdings natürlich noch keine Garantie für einen Erfolg darstellt. Trotzdem gibt es viele funktionierende Beispiel: Lokalblogs und kleine Online-Zeitungen, die sich bereits tragen; Service-Dienstleister in journalistischen Randbereichen; Textagenturen.

Besser Online 2013: Weniger jammern, mehr machen

Schön war´s bei der DJV-Tagung Besser Online 2013 beim ZDF in Mainz. Für mich war es die vierte als Besucher und die zweite als Mitorganisator, daher fällt mein Fazit vielleicht etwas voreingenommen aus. Für mich bot Besser Online auf jedem Fall viel Altbekanntes und etwas Neues.

20130914_104909

Altbekanntes konnte man leicht an Sätzen wie “Dem Lokaljournalismus im Internet gehört die Zukunft”. Dass sich einige Diskussionen im Kreis drehen, hängt meiner Ansicht damit zusammen, dass sich die Parameter für den Journalismus kaum verändert haben. Ich hoffe, wie viele Teilnehmer offenbar auch noch nach Jahren von Stagnation/Kürzungen darauf, dass Medienhäuser, Verlage und Rundfunkanstalten mit ihrer wirtschaftlichen und informationellen Macht die Entwicklung neuer (nachhaltiger) Geschäftsbereiche vorantreiben und – ja! -auch den Online-Journalismus stärken – nicht zuletzt auch in ihrem Interesse. “Da kannste lange warten!”, entgegnet mir ein Kollegen sinngemäß. “Man muss das Heft in die Hand nehmen und was eigenes machen”. Er hat natürlich nicht unrecht, der Kollege.

Inspiration für eigene Projekte gab es zuhauf bei Besser Online: Klein- und Kleinstunternehmen, die sich auf Branchen (Modeblogs; das von Frauen gemachte Männermagazin Centurio), lokalen Journalismus (eher konservativ wie altona.info, eher kritisch wie hh-mittendrin.de oder eher wie halloherne.de, sprich: keine Kommentare, keine Meinungen, dafür Nachrichtenjournalismus pur) oder auf Dienstleistungen (Beratung, Kommunikation) spezialisieren. Als Vertreter der wenigen “Großen” vor Ort stellt Sascha Venohr die Abteilung “Datenjournalismus” bei Zeit Online vor. Datenjournalismus könnte vor dem Hintergrund immer besser werdender Tools und “steigendem Bedarf” (Julius Tröger, Datenjournalist bei der Berliner Morgenpost) eine Geschäftsidee für immer mehr Kleinunternehmer (es gibt sie natürlich schon, etwa opendatacity) werden.

So vielseitig die Teilnehmer und Projekte, so vielseitig die Arten der Finanzierung. Es gibt Crowdfinanziertes (Juiced), klassische Bannerwerbung (Halloherne.de), gesponserte Beiträge (altona.info), verschiedene Formen von Quersubventionierungen und sogar die Paywall nach dem Metered-Model ist noch recht lebendig (und wird bald bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung eingeführt). Die Vielfalt zeigt: Es gibt kein per se funktionierendes Finanzierungsmodell – es heißt weiter hin “Durchwursteln” (Jürgen-M. Edelmann für den rbb), “Durststrecken überwinden” (Ulrike Langer auf dem Podium “Medienjournalismus”) “Einfach ausprobieren und machen!” (Andi Weiland, sozialhelden e.V. und andere).

Vielleicht sind das die bleibenden Eindrücke von Besser Online 2013: Der (Online-)Journalismus wird kleinteiliger, lokaler, und jeder sucht seinen individuellen Weg. Das hat durchweg positive Effekte: Zum ersten Mal hatte ich bei Besser Online den Eindruck, dass insgesamt weniger gejammert wurde. Vielleicht, weil wieder mehr Journalisten gemerkt haben, dass nur wir selbst einen Wandel herbeiführen können.