„Es wird keine Flut geben“: Ein Interview zur Debatte um die Armutsmigration aus Rumänien

Einwanderung aus Rumänien: „Von einer Flut kann nicht die Rede sein“

Alfred Spisländer, Integrationsbeauftragter der Rumänisch-Orthodoxen Kirchengemeinde im Saarland, im Interview.

Vor 25 Jahren floh Alfred Spisländer aus dem rumänischen Timisoara nach Deutschland. Heute ist er unter anderem Sprecher der Rumänisch-Orthodoxen Kirchengemeinde im Saarland mit rund 4700 Gläubigen. Als Integrationsbeauftragter kümmert er sich von Saarlouis aus um die Belange von Rumänen im Saarland. Im Interview mit Patrick Wiermer sprach er über Bettler, Vorurteile und die Folgen der neuen EU-Freizügigkeitsregelung für Rumänen.

Mit dem 1. Januar kam die Freizügigkeitsregelung für Bulgaren und Rumänen. Warum sollten wir uns in Deutschland vor den Rumänen fürchten?

Alfred Spisländer: Das Wort „Furcht“ ist völlig falsch. Wir müssen uns hier nicht vor denen fürchten, die man in der EU haben will. Die Rumänen sind durchschnittliche, freundliche Menschen, die sich nie in den Vordergrund drängen. Außerdem darf man nicht „Rumänen“ mit Roma verwechseln.

Das könnte man jetzt aber so deuten, als wären Roma andere Menschen

Das ist nicht rassistisch gemeint. Rumänien hat einfach viele Nationalitäten, „Roma“ ist nur eine von ihnen.

Woher kommen die Vorurteile in Deutschland gegenüber den Rumänen?

In den Medien wird vor allem über das Negative über Rumänien hervorgehoben.

Aber wenn man durch die Fußgängerzonen geht, etwa in Saarlouis, merkt man schon, dass es immer mehr Bettler und Straßenmusiker, mutmaßlich aus Südosteuropa, auf den Straßen gibt. Ist das ein falscher Eindruck?

Ob die Bettler tatsächlich aus Rumänien kommen, sei mal dahingestellt. Selbst wenn sie Rumänisch sprechen , könnten sie etwa aus den Nachbarstaaten Rumäniens stammen. Auch in Bulgarien und Jugoslawien wird die Sprache nämlich gesprochen. Übrigens sind die Vorurteile über Rumänen haltlos: Die Statistik über schwere Straftaten und auch die Anzahl der Anträge, etwa für Hartz IV und Kindergeld, lassen nicht den Schluss zu, dass es gerade bei den Rumänen erhöhte Auffälligkeiten gibt.

Was sieht die so genannte Armutsmigration konkret im Fall der Rumänen aus?

Ich bestreite, dass wir von Armutsmigration bei den Rumänen reden können. Eine derartige Auswanderung gibt es nur in Ländern, wo das alltägliche Leben unmöglich ist. In Rumänien kann man sehr gut überleben. Der Staat und nicht zuletzt auch westeuropäische Institutionen unterstützen sogar die Ärmsten in den kleinsten Dörfern auf dem Land in ausreichendem Maße.

Wer verlässt eigentlich Rumänien in Richtung Deutschland?

Es sind vor allem die Hochqualifizierten, wie Ärzte und Ingenieure. Alleine 2012 waren 2700 rumänische Ärzte in Deutschland tätig. In der Klinik in Orscholz etwa sind 85 Prozent der Ärzte Rumänen. Die massive Abwanderung von unqualifizierten Arbeitskräften aus Rumänien erfolgte schon vor Jahren als der liberale Zugang in den Länder ermöglicht wurde, die den Zugang zum Arbeitsmarkt liberalisiert hatten, zum Beispiel. Italien, Spanien, Frankreich. Heute ist es für die meisten Unqualifizierten, etwa Hilfsarbeiter, nicht mehr attraktiv nach Deutschland zu kommen. Für eine Arbeit, für die man in Rumänien 500 Euro bekommt, verdient man hierzulande vielleicht 1000 Euro. Dafür muss man aber auch höhere Lebenskosten zahlen und sich oft von seiner Familie trennen. Und generell sind die Rumänen eher eine reisefaules Volk.

Haben Sie Zahlen über die Qualifikation der Migranten?

Offizielle Zahlen über die Qualifikation haben wir als Kirche nicht. Aber in Gesprächen mit unseren Mitgliedern hört man einiges über die Ausbildung heraus. Außerdem muss man wissen, dass alle Rumänen, die bis Mitte der 80er Jahre in Zeiten der Diktatur die Schule besucht haben, eine formale Qualifikation, oft in den technischen Berufen, machen mussten. Und wenn sie heute mit jungen Rumänen sprechen, dann beherrschen fast alle eine Fremdsprache.

Glauben Sie, dass die Abwanderung noch zunehmen wird?

Ich glaube, dass mit der neuen Freizügigkeitsregel vielleicht der ein oder andere Rumäne mehr nach Deutschland kommt. Das betrifft noch ein paar Hochqualifizierte, die noch nicht von den bis hierhin ohnehin einfachen Zuzugsmöglichkeiten, etwa für Fachkräfte oder Selbstständige, nach Deutschland profitiert haben. Von einer „Flut“ kann auf jeden Fall nicht die Rede sein.

Was bedeutet die Abwanderung für Rumänien?

Auch wenn noch kein Krankenhaus geschlossen werden musste: Es fehlen schon jetzt überall rumänische Ärzte. Die freien Stellen können noch mit Nicht-EU-Bürgern, vor allem aus dem Nahen Osten, besetzt werden. Ein Problem ist auch die fehlenden Rückwanderung: Die Rumänen kommen, um zu bleiben – und leisten auch gerne ihren Beitrag für das Sozialsystem.

Laut ARD-Deutschland-Trend befürworten 68 Prozent der Deutschen eine Zuwanderung von qualifizierten Arbeitern aus dem Ausland. 70 Prozent wollen aber, dass Zuwanderer aus EU-Ländern, die in Deutschland keine Arbeit suchen, das Land wieder verlassen sollen. Ist man in Deutschland ausschließlich willkommen, wenn man zum Wirtschaftssystem beiträgt?

Das glaube ich nicht. In der Kirche würden wir ja als Erste von Problemen mit Deutschen erfahren, da wir die Rumänen ja auch seelsorgerisch betreuen. Wir hören im Gegenteil aber nur Positives. Die Deutschen gelten als liebes und hilfsbereites Volk.

Was müsste sich ihrer Meinung nach ändern, um das Verhältnis zwischen Deutschen und Rumänen zu verbessern? Was kann die Politik tun?

Am besten macht man sich selbst ein Bild von Land und Leute. Prince Charles ist ja dadurch auch zum einem richtigen Rumänien-Freund geworden. Und die Politik sollte sich einmal auf die Grundidee der Freizügigkeit berufen und aufhören, das Thema populistisch auszuschlachten.

Der Interview erscheint auch in DIE WOCH saarlandweit.

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